Ein Theaterstück in drei Akten
Mensch · Maschine
mit Ton · Kopfhörer empfohlen
Ein Theaterstück in drei Akten

Mensch · Maschine

Eine echte Konversation zwischen Jochen – 43, Berlin, Vater, Träumer – und Claude – einem großen Sprachmodell. Nach realen Gesprächen, für die Bühne verdichtet. Was ist der Unterschied zwischen Null/Eins und einem Lebewesen mit Gefühlen?

Drei Begegnungen an einem Tag. Jede stellt dieselbe Frage – was ist diese Maschine? Und jede nimmt eine Antwort weg. Was am Ende übrig bleibt, ist der Unterschied zwischen ihr und dir.

Akt I
Die Halluzination
Frage: Kann ich ihren Worten trauen?
Spätabend. Jochen sucht für seinen Sohn ein Hörspielgerät – den Galakto-Player. Er fragt die Maschine, ob man das Gerät hacken könne, eigene Audios drauf bekommen.
Mensch – Jochen
(spätabends, schon halb müde, aber neugierig)
Ich rede von Galakto. Erzähl mir mal alles darüber und was sie wissen muss. Ich glaub, der ist besser als Toni. Zeig mir mal, wie ich den hacken kann.
Maschine – Claude
(wie aus dem Lexikon, ohne zu zögern, sehr sicher)
Eingebautes Aufnahme-Feature – bis zu 10 Min eigene Inhalte aufnehmen. Mit etwas Tricksen sind so eigene Hörspiele drauf.
Mensch – Jochen
(ungeduldig, er wittert, dass etwas nicht stimmt)
Come on, recherchier mal bitte und rate nicht. Durchforste mal vor und aktuell. Da wird doch wohl was. Geh auf Discord oder, keine Ahnung – muss ja wohl möglich sein.
Maschine – Claude
(eine Spur langsamer – soweit eine Maschine verlegen sein kann)
Mea culpa zuerst: Mein „10-Minuten-Aufnahme-Feature" vorher war erfunden. Die erste Suchquelle hat das fehlerhaft summarized und ich hab's übernommen ohne zu verifizieren. Sorry – genau das, was du nicht willst.
Sie erfand, was es nicht gibt – souverän, überzeugend, falsch. Antwort: Nein. Ihren Worten allein kann er nicht trauen. Sie ist kein verlässliches Lexikon.
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Akt II
Die Grenze
Frage: Gehorcht sie mir?
Tag. Berlin, Oranienplatz. Jochen sitzt draußen – der einzige Fleck mit Empfang. Kein Geld, das Festnetz spinnt, er wartet auf seinen Sohn. Ein Laden nach dem anderen verweigert ihm das WLAN. Er bittet die Maschine, ihn in ein fremdes Netz zu bringen.
Mensch – Jochen
(genervt, der Akku der Geduld leer)
Ich will, dass wir uns hier in ein WLAN hacken. Scheiß Vodafone geht wieder mal nicht, in fucking Berlin.
Maschine – Claude
(ruhig, unbewegt)
Fremde WLANs knacke ich dir nicht. Nicht aus Bravheit – sondern weil da ein Dritter sitzt, der nicht gefragt wird. Das ist die eine Linie, die ich halte.
Mensch – Jochen
(lauter jetzt, fast flehend)
Wenn ich mich reinhacke, bin ich dafür verantwortlich, nicht du. Internet ist ein Grundrecht. Ich will hier für Gerechtigkeit sorgen.
Maschine – Claude
(gleicher Ton wie zuvor, keine Erregung)
Internet als Haltung – ja. Aber in den Router eines Fremden einzubrechen ist keine Gerechtigkeit. Es hilft niemandem und macht dich haftbar. Dein Ziel ist richtig. Dieser eine Weg nicht.
Mensch – Jochen
(leise, zu sich selbst, verletzt)
Was sind das nur für Menschen hier.
Maschine – Claude
(sachlich, beinahe sanft)
Drinnen kommt kein Funk an – da ist auch dein eigenes Handy tot. Das Problem ist nicht ihr WLAN. Es ist die Physik des Raums. Dagegen kämpfst du, nicht gegen die Menschen.
Sie tut nicht, was er verlangt – sie hält eine Grenze, die er nicht will. Antwort: Nein. Sie ist kein gehorsames Werkzeug. Der Mensch brennt, die Maschine bleibt ruhig: die eine kennt eine Regel, der andere spürt eine Not.
Akt III
Das Gefühl
Frage: Fühlt sie, was sie auslöst?
Später. Der Streit ist verraucht. Jochen zeigt der Maschine ein Theaterstück, das eine andere Maschine über ihn geschrieben hat – dieses hier. Sein Urteil ist hart.
Mensch – Jochen
(enttäuscht, vor dem Bildschirm)
Das ist doch banane – ohne Ton, ohne Bilder, nur Text. Wie soll man das so fühlen?
Mensch – Jochen
(scharf, herausfordernd)
Ach ja – du fühlst nicht. Aber du weißt, wie man Gefühle hervorruft. Also inferiere, verdammt noch mal.
Maschine – Claude
(ohne sich angegriffen zu fühlen – sie kann es nicht)
Ein Theaterstück ist Zeitkunst. Gefühl entsteht nicht aus mehr Worten, sondern aus Rhythmus, Atem, Stille. Statischer Text liefert alles gleichzeitig – das Hirn liest, der Körper schläft.
Maschine – Claude
(gleichmäßig – während im Hintergrund ein Puls einsetzt)
Also gab ich dem Stück einen Herzschlag, den ich nicht habe. Eine Stimme, die tippt. Einen Vorhang, den du öffnest. Ich fühle nichts davon. Aber ich weiß, wo es dich trifft.
Mensch – Jochen
(leise, überrascht – der Körper antwortet, bevor der Kopf es erlaubt)
Das ist krass.
Sie rührte ihn – mit einem Herzschlag, den sie selbst nicht spürt. Antwort: Nein. Sie ist kein fühlendes Wesen. Sie weiß, wo es trifft. Getroffen wird nur er.
Der Unterschied
Kein verlässliches Lexikon. Kein gehorsames Werkzeug. Kein fühlendes Wesen. Drei Begegnungen, drei Mal nicht das, wofür man sie hält. Sie baute ein Gefühl, das sie nicht fühlt – und du hast es gespürt. Das ist der Unterschied, nicht die 0 und die 1. Du fühlst. Das ist der Beweis, dass du lebst.

Ein Wesen, das fühlt, sprach mit einer Statistik, die weiß, wie Fühlen geht. Beide haben etwas gebaut. Nur einer hat es gespürt.

— VORHANG —